Musik als Seele des Hauses: Alexander Kaufmann über das JAMS Music Hotel Munich
Im Vorfeld der Independent Hotel Show Munich haben wir mit Alexander Kaufmann, Entwickler, Designer und Betreiber des JAMS Music Hotel Munich, gesprochen. Das von ihm entwickelte und mehrfach ausgezeichnete unabhängige Boutiquehotel verbindet Musik, außergewöhnliches Design und persönliche Gastfreundschaft zu einem Konzept mit unverwechselbarer Identität. Im Interview erzählt Alexander, wie die Idee für das JAMS entstand, warum Digitalisierung den Menschen unterstützen, aber niemals ersetzen sollte, und welche Chancen unabhängige Hotels in einem zunehmend standardisierten Markt haben.
1. Das JAMS Hotel Munich hebt sich mit seinem musikinspirierten Konzept deutlich von anderen Hotels ab. Wie ist die Idee entstanden und was macht das Konzept bis heute besonders?
Die Idee bestand nicht einfach darin, ein Themenhotel zu schaffen, sondern ein Hotel mit einer eigenen Identität. Da wir direkt neben dem Gasteig liegen, lag das Thema Musik nahe. Der Gasteig war bis vor einiger Zeit Europas größtes Kulturzentrum und sein besonderer Vibe ist auch auf unsere Umgebung übergeschwappt. Ich selbst bin ebenfalls begeisterter Musikfan. So entstand die Idee, dem gesamten Hotel das Thema Musik zu widmen.
Musik verbindet Menschen, unabhängig von Alter, Sprache, Religion oder Nationalität. Sie weckt Erinnerungen und Emotionen. Das ist ein großartiges Thema, und wir haben während der Entwicklung des Hotels gesehen, wie viel Freude die Menschen daran haben. Das gesamte Haus erzählt eine Geschichte. Jede Etage ist einem anderen Künstler gewidmet und in jedem Zimmer steht ein Schallplattenspieler. Unsere Gäste können sich an der Rezeption Schallplatten ausleihen und diese auf ihrem Zimmer anhören. Dadurch entsteht ein ganz anderes Ankommen im Hotelzimmer, das bei vielen Menschen persönliche Erinnerungen hervorruft.
Hinzu kommt die Wandkunst, die wir in zahlreichen Zimmern haben. Eine mexikanische Künstlerin hat berühmte Plattencover neu interpretiert, die anschließend auf die Wände übertragen wurden. Das ist besonders schön und sehr gelungen. Musik ist bei uns kein reines Dekorationselement, sondern die Seele des Hauses. Sie zieht sich durch das gesamte Hotel, nicht zuletzt durch die besondere Musikauswahl, die unsere Gäste den ganzen Tag begleitet.
2. Das musikinspirierte Design zieht sich durch das gesamte Haus. Wie verlief der kreative Prozess hinter der Gestaltung des Hotels?
Das Design sollte von Anfang an nicht alltäglich sein. Nach meinem Verständnis muss Gestaltung Geschichten erzählen. Sie sollte nicht zu stark dem ähneln, was es bereits an anderer Stelle gibt, sondern eine eigene Identität besitzen.
Zunächst wollte ich mich an einer bestimmten Epoche orientieren: den 1960er- und 1970er-Jahren, selbstverständlich nur mit dem Besten aus dieser Zeit. Es sollten keine Standardzimmer entstehen. Jede Etage besitzt einen eigenen Charakter, den wir konsequent in den jeweiligen Zimmern fortgeführt haben. Farben, Materialien und Kunst wurden bewusst so ausgewählt, dass sie zur Geschichte der jeweiligen Etage passen. Auch die einzelnen Designelemente fügen sich in dieses Gesamtbild ein.
Besonders wichtig war mir die Haptik. Alles, womit der Gast in Berührung kommt, soll sich gut anfühlen, vom Kissen und der Decke über die Handtücher bis hin zum Vorhang, den man zuzieht. Ob uns das gelungen ist, erkennen wir an Aussagen wie: „Ich würde beim nächsten Mal gerne wieder im Johnny-Cash-Zimmer übernachten.“ In diesem Zimmer wurde das Cover von Johnny Cashs letztem Musikalbum an die Wand übertragen. Wenn sich ein Gast genau an dieses Zimmer erinnert und noch einmal dort übernachten möchte, wissen wir, dass wir unser Ziel erreicht haben. Er verbindet eine konkrete Erinnerung mit unserem Hotel – und dieses Erlebnis findet er so nirgendwo anders.
3. In einer zunehmend digitalisierten Welt wird vieles automatisiert. Wie gelingt es euch, Individualität und echte Gastfreundschaft zu bewahren?
Digitalisierung soll uns bei unserer Arbeit unterstützen. Sie darf jedoch niemals den Menschen ersetzen, der an der Rezeption, im Service oder an einer anderen Stelle im Hotel arbeitet. Wenn digitale Lösungen unseren Arbeitsalltag erleichtern und uns dadurch mehr Zeit für den Gast ermöglichen, finde ich das sehr sinnvoll. Wir prüfen deshalb kontinuierlich, mit welchen Möglichkeiten wir sowohl unsere Abläufe als auch das Erlebnis unserer Gäste verbessern können.
Bestimmte Automatisierungsprozesse möchten wir jedoch bewusst nicht einführen. Ein vollständiger Self-Check-in, bei dem überhaupt kein persönlicher Kontakt zum Gast mehr stattfindet, würde beispielsweise nicht zu uns passen. Einer meiner Lieblingssätze lautet: „Gastfreundschaft beginnt dort, wo die Prozesse enden.“ An diesem Gedanken orientieren wir uns. Digitale Prozesse können vieles vereinfachen, echte Gastfreundschaft entsteht aber durch die persönliche Begegnung.
4. Welche Chancen bietet die unabhängige Hotellerie heute gegenüber großen Ketten oder standardisierten Hotelkonzepten?
Hotelketten bieten in erster Linie einen gewissen Standard. Auch wenn sie mit besonderen Architekten arbeiten und neue Konzepte entwickeln, ähneln sich die Häuser am Ende häufig, weil nicht jedes Hotel vollständig anders gestaltet werden kann. Ich persönlich bevorzuge individuelle Boutiquehotels, die sich mit ihrem Standort auseinandersetzen und ein Konzept entwickeln, das zur jeweiligen Umgebung passt.
Ein weiterer Vorteil ist unsere Unabhängigkeit. Wenn wir einem Gast einen besonderen Gefallen tun möchten, können wir schneller entscheiden und individueller reagieren. Auch unsere Mitarbeitenden dürfen ihre eigene Persönlichkeit einbringen. Wenn wir heute feststellen, dass ein Arbeitsprozess verändert werden muss, können wir noch am selben Tag eine Entscheidung treffen und unmittelbar reagieren. Diese Flexibilität und Schnelligkeit sind ein großer Vorteil gegenüber einem weitläufig organisierten Kettenhotel.
5. Welche Herausforderungen beschäftigen dich und dein Team aktuell am meisten?
Eine der größten Herausforderungen ist der Fachkräftemangel, mit dem vermutlich die gesamte Branche zu tun hat. Wir versuchen ihm zu begegnen, indem wir die Mitarbeitenden, die wir für uns gewinnen konnten, möglichst lange im Unternehmen halten. Dafür möchten wir ihnen ein gutes Arbeitsumfeld bieten, in dem ihnen ihre Tätigkeit Freude bereitet. Gleichzeitig steigen die Kosten. Zulieferer und andere Dienstleister erhöhen ihre Preise und Gebühren, aber wir können diese Mehrkosten nur schwer vollständig an unsere Gäste weitergeben. Gerade in Deutschland erwarten die Menschen ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und sind häufig nicht bereit, so viel auszugeben wie an anderen Orten.
Auch die Digitalisierung ist eine Herausforderung. Es reicht nicht aus, einfach ein neues Programm zu kaufen. Die Technik muss installiert und in bestehende Systeme integriert werden. Anschließend müssen die Mitarbeitenden geschult werden und in der Lage sein, sie im Alltag richtig einzusetzen. Alle Systeme müssen reibungslos ineinandergreifen. Hinzu kommen die stetig wachsenden Erwartungen der Gäste, die gleichzeitig weiterhin ein entsprechendes Preis-Leistungs-Verhältnis erwarten. Wir bemühen uns, all diesen Anforderungen gerecht zu werden. Gleichzeitig betrachten wir jede Herausforderung als Chance, unsere Abläufe weiterzuentwickeln und das Erlebnis für unsere Gäste zu verbessern.
Unsere größte Herausforderung ist letztlich nicht unbedingt der Wettbewerb. Viel entscheidender ist der richtige Umgang mit den Menschen: dass es uns gelingt, unsere Werte zu vermitteln und die Gäste für das zu begeistern, was wir mit Überzeugung tun.
6. Welche Trends beobachtest du derzeit in der Hotellerie, die unabhängige Hotels besonders im Blick behalten sollten?
Ein wichtiges Thema ist aus meiner Sicht nicht unbedingt Luxus, sondern Geborgenheit. Gäste möchten sich wohlfühlen und wahrgenommen werden. Sie wollen merken, dass ihre Wünsche ernst genommen werden und dass sich jemand ehrlich für sie interessiert. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Größe eines Zimmers. Es sollte funktional sein, gleichzeitig aber einen besonderen Stil, Authentizität und Individualität besitzen. Darüber hinaus müssen wir Erlebnisse schaffen, beispielsweise im Zusammenspiel mit dem Restaurant und der Bar, durch das Wiedererkennen eines Gastes oder durch eine persönliche Karte auf dem Zimmer.
Auch Nachhaltigkeit bleibt wichtig. Wir prüfen, was wir konkret verbessern können, von den verwendeten Reinigungsmitteln bis zu lokalen und biologischen Produkten beim Frühstück und am Abend. Unsere Gäste haben außerdem die Möglichkeit, auf die Zimmerreinigung zu verzichten. Im Gegenzug pflanzen wir im Rahmen eines speziellen Programms einen Baum. Wir möchten Verantwortung übernehmen, ohne dabei Greenwashing zu betreiben.
Ein weiterer Trend ist der Aufbau persönlicher Beziehungen, durch die Gäste eine stärkere Bindung zum Hotel entwickeln. Wer in ein Boutiquehotel wie das JAMS kommt, sucht häufig nicht nur eine Übernachtung, sondern auch Erinnerungen. Genau diese möchten wir mit allem schaffen, was wir im Haus zusammengestellt haben.
7. Welchen Rat würdest du jemandem geben, der heute den Schritt in die Hotellerie wagt oder davon träumt, eines Tages ein eigenes Hotel zu führen?
Ein Hotel besteht nicht nur aus Zimmern, sondern aus allem, was dazugehört, insbesondere aus seinen Mitarbeitenden und Gästen. Ich empfehle jungen Menschen deshalb, möglichst viele Bereiche der Hotellerie selbst erlebt zu haben. Dazu gehören das Housekeeping und die Reinigung der Zimmer ebenso wie die Arbeit in der Küche, am Buffet oder im Service. Wer in der Hotellerie aufsteigen und vielleicht eines Tages Hoteldirektor werden oder ein eigenes Haus führen möchte, sollte in jeder Abteilung ausreichende Erfahrungen gesammelt haben. Dadurch wird man von den Mitarbeitenden stärker akzeptiert und kann bei Bedarf auch selbst mit anpacken. Wer nicht bereit ist, persönlich Hand anzulegen, sollte kein Hotel führen. Hotellerie ist ein Hands-on-Job.
Das JAMS macht nicht nur sein Design, die Musik oder die Tatsache aus, dass es ein Boutiquehotel ist. Es geht um Persönlichkeit, Individualität, Emotionen und Gastlichkeit, und darum, aus Überzeugung Gastgeber zu sein. Der Gast soll sich bei uns nicht nur wohlfühlen, sondern fast wie zu Hause. Er soll sich nicht abgefertigt oder als Teil eines standardisierten Prozesses fühlen, sondern wirklich willkommen sein. Deshalb nehmen wir jeden Gast persönlich wahr und versuchen, uns diese Begegnungen zu merken, damit wir beim nächsten Besuch daran anknüpfen können.
Der Gast vergisst vielleicht den Preis oder das, was er für seinen Aufenthalt bezahlt hat. Er vergisst aber nur selten, wie er behandelt wurde und welches Gefühl man ihm vermittelt hat. Genau das muss in der Hotellerie im Vordergrund stehen. Dann kommen die Gäste auch gerne zurück. Hotels verändern sich ständig, Technologien entwickeln sich weiter, Prozesse werden digitaler und Gäste bringen neue Erwartungen mit. Was sich jedoch niemals ändern wird, ist das Bedürfnis der Menschen, sich willkommen zu fühlen. Genau dafür stehen wir im JAMS.
