The Circus Hotel: Wie ein unabhängiges Berliner Hotel Gemeinschaft zu einem Wettbewerbsvorteil macht
Von seinen Anfängen als Hostel bis hin zu einem designorientierten Boutiquehotel hat sich das Circus Hotel in Berlin einen Ruf für etwas aufgebaut, das viele Marken nur schwer nachahmen können: Persönlichkeit. Exklusiv für die Independent Hotel Show Munich erklärt das Team, wie Geschichte, Storytelling und die Kreativität der Mitarbeitenden ein besonderes Hospitality-Erlebnis formen.
In einer Hotellandschaft, die zunehmend von Markenstandards und globaler Expansion geprägt ist, bietet das Circus Hotel in Berlin ein anderes Modell. Unabhängig und gemeinschaftsorientiert ist das Hotel über drei Jahrzehnte organisch gewachsen und dabei seiner ursprünglichen Philosophie treu geblieben: Reisende näher an die Stadt heranzubringen, die sie besuchen.
Am Rosenthaler Platz im Berliner Bezirk Mitte gelegen, befindet sich das Circus Hotel neben zwei Schwesterbetrieben, einem Hostel und Serviced Apartments. Zusammen bilden sie ein ungewöhnliches Hospitality-Ökosystem, das auf derselben Gründungsidee basiert.
„Wir haben in den 1990er Jahren als Hostelorganisation angefangen“, erklärt das Team. „Die Besitzer sind immer noch dieselben fünf Freund*innen, die das Ganze gegründet haben. Irgendwann merkten sie, dass sie selbst nicht mehr in Schlafsälen übernachten wollten, und so wurde der nächste natürliche Schritt das Hotel.“
Diese Entwicklung wurde nicht von Expansionsplänen oder einer Markenstrategie getrieben. Stattdessen spiegelt sie wider, wie Menschen reisen, wenn sie verschiedene Lebensphasen durchlaufen. Das Ergebnis ist ein Hospitality-Konzept, das gemeinsam mit seinen Gästen wächst.
„Es ist immer noch sehr stark ein Familienunternehmen“, sagen sie. „Reisen als Erlebnis, als Möglichkeit, die Welt zu entdecken, stand immer im Mittelpunkt dessen, was wir tun.“
Mit Geschichte gestalten, nicht um sie herum
In Berlin ist die Vergangenheit nie weit entfernt. Als das Team das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert übernahm, in dem sich heute das Circus Hotel befindet, begann es zunächst mit der Recherche zur Geschichte des Hauses. Dabei stellte sich heraus, dass das Gebäude früher zu einem Schneiderbetrieb gehörte, der von einer jüdischen Familie geführt wurde. Der Großteil der Familie wurde während des Zweiten Weltkriegs ermordet, nur wenige überlebende Angehörige ließen sich später in den Vereinigten Staaten nieder.
Statt diese Geschichte unausgesprochen zu lassen, entschied sich das Hotel, sie sichtbar zu machen. In Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde Berlins kontaktierte das Team überlebende Familienmitglieder und integrierte Elemente dieser Geschichte in das Gebäude.
Heute befindet sich eine Gedenktafel vor dem Hotel, während ein kleiner Ausstellungsraum im Keller die Vergangenheit des Hauses dokumentiert.
„Berlin ist eine Stadt, die auf Geschichte aufgebaut ist“, erklären sie. „Du kannst sie nicht ignorieren. Aber du darfst dich auch nicht von ihr zurückhalten lassen. Du musst sie anerkennen und dann weitergehen.“
Dieser vielschichtige Ansatz des Storytellings zieht sich durch das gesamte Design des Hotels und das Erlebnis für Gäste.
Ein Boutiquehotel, das nie stillsteht
Seit seiner Eröffnung im Jahr 2008 versteht das Circus Hotel Veränderung als Teil seiner Identität. Designanpassungen finden regelmäßig statt, teilweise auf Basis von Gästefeedback, teilweise aus dem Wunsch heraus, das Haus frisch und lebendig zu halten.
„Alle paar Jahre sagt einer der Besitzerinnen, es sieht langsam ein bisschen alt aus“, lacht das Team. „Und dann beginnt die nächste Renovierung.“
Die bedeutendste Renovierung fand während der Pandemie statt, als die vorübergehende Schließung des Hotels eine unerwartete Gelegenheit schuf.
„Eigentlich hatten wir die Renovierung für später geplant“, sagen sie. „Aber als Covid kam und wir ohnehin schließen mussten, haben wir uns gefragt, ob wir es nicht früher umsetzen können. Also haben wir gleichzeitig geplant und renoviert.“
Das neue Design entfernte sich von früheren Konzepten, die von der Schneidertradition inspiriert waren, und setzte stattdessen auf eine weichere „Urban Jungle“-Ästhetik. Ziel war es, Elemente der urbanen Energie Berlins ins Innere zu holen und gleichzeitig ruhige Räume zu schaffen, in denen Gäste entspannen können.
„Unser Ziel war es, einen Rückzugsort zu schaffen“, erklären sie. „Du bist mitten in der Stadt, aber das Hotel sollte sich trotzdem wie ein Ort anfühlen, an dem du kurz durchatmen kannst.“
Storytelling durch kleine Details
Im gesamten Hotel verstärken subtile Details das starke Gefühl für den Ort. Jedes Zimmer verfügt über eine kleine Bibliothek, die vom Hotelteam kuratiert wurde und Bücher über Berlin sowie Werke deutscher Autor*innen in englischer Übersetzung enthält.
QR-Codes neben den Fenstern führen zu kurzen Audiogeschichten, die von einer lokalen Autor*in geschrieben wurden und jeweils von der konkreten Aussicht aus diesem Zimmer inspiriert sind.
„Es geht darum, Gästen etwas zu geben, das sie mit der Stadt verbindet“, sagt das Team.
Diese durchdachten Details spiegeln eine umfassendere Philosophie wider: Design besteht nicht nur aus Materialien und Ästhetik, sondern auch aus Erzählung und emotionaler Verbindung. Für wiederkehrende Gäste wirkt dieser Ansatz besonders stark. Mit der Zeit zeigt das Hotel immer neue Facetten.
Nachhaltigkeit über das Buzzword hinaus
Während Nachhaltigkeit oft ausschließlich in ökologischen Begriffen diskutiert wird, versteht das Circus Hotel das Konzept deutlich breiter.
„Nachhaltigkeit ist viel mehr als Energieverbrauch“, erklären sie. „Es geht auch darum, wie du dein Team behandelst, wie du mit deiner Nachbarschaft zusammenarbeitest und wie du eine Gemeinschaft rund um dein Unternehmen aufbaust.“
Ökologisch setzt das Hotel auf erneuerbare Energie und Bio-Bettwäsche. Eine der interessantesten Initiativen ist jedoch ein Lehmdecken-Kühlsystem, das bei der letzten Renovierung installiert wurde.
Anstelle klassischer Klimaanlagen zirkuliert kaltes Wasser durch in die Decke integrierte Rohre. Dadurch wird die Raumtemperatur auf natürliche Weise gesenkt und gleichzeitig deutlich weniger Energie verbraucht.
„Es kann einen Raum nicht so stark herunterkühlen wie eine Klimaanlage“, geben sie zu. „Aber wenn draußen 34 Grad sind und du drinnen auf 25 Grad kommst, fühlt sich das sehr angenehm an.“
Das System steht stellvertretend für eine größere Philosophie im Hotel: praktische Nachhaltigkeit, die sowohl für Gäste als auch für den Betrieb funktioniert.
Mitarbeitende zu Storyteller*innen machen
Vielleicht liegt der markanteste Teil des Circus-Erlebnisses im Team selbst. Über eine Initiative namens Behind the Curtain werden Mitarbeitende ermutigt, Gästeerlebnisse auf Grundlage ihrer persönlichen Interessen und ihres Wissens über die Stadt zu gestalten.
Ein Teammitglied organisiert eine Eis-Tour zu den besten Gelaterien Berlins, ein anderes führt Gäste durch die Street-Art-Szene der Stadt. Andere zeigen versteckte Foodmärkte oder Viertelorte, die Tourist*innen selten entdecken.
„Es geht darum, Gästen das Berlin zu zeigen, das Einheimische kennen“, erklären sie.
Das Programm kommt dem Team genauso zugute wie den Gästen. Mitarbeitende werden für ihre Zeit bezahlt und dazu ermutigt, ihre Leidenschaften zu teilen. Dadurch entsteht eine stärkere Bindung innerhalb des Teams.
Der Ansatz unterstützt auch die Karriereentwicklung. Rund 80 Prozent des Managementteams des Hotels haben in Juniorrollen begonnen und sich innerhalb des Unternehmens weiterentwickelt.
Für eine Branche, die mit Personalmangel und Herausforderungen bei der Mitarbeiterbindung zu kämpfen hat, ist das eine überzeugende Lektion.
Warum Unabhängigkeit weiterhin wichtig ist
Ein unabhängiges Hotel in Berlin zu betreiben ist nicht ohne Herausforderungen. Steigende Kosten, Marktdruck und sich verändernde Reisegewohnheiten verändern die Branche.
Trotzdem ist das Circus-Team überzeugt, dass Unabhängigkeit ein starker Vorteil bleibt.
„Reisende suchen immer noch nach Authentizität“, sagen sie. „Unabhängige Hotels können das leichter bieten, weil wir nicht durch Markenregeln eingeschränkt sind.“
Technologie spielt zwar eine Rolle, ersetzt aber nicht die menschliche Interaktion. Gäste können das Hotel über WhatsApp kontaktieren, doch die Antworten kommen von echten Mitarbeitenden und nicht von automatisierten Systemen.
„Hier unterscheiden wir uns“, sagen sie. „Menschen wollen immer noch mit jemandem sprechen. Mitarbeitende sind es, die Hospitality persönlich machen.“
In einer Stadt, die für ihre Individualität bekannt ist, hat das Circus Hotel Erfolg, weil es genau auf dieses Prinzip setzt. Für unabhängige Hoteliers ist es eine Erinnerung daran, dass der stärkste Unterschied oft der einfachste ist: etwas zu schaffen, das sich wirklich menschlich anfühlt.